Mesenskaya Rospis – Kunst auf Birkenrinde und Holz

Rote Pferde, schwarze Hirsche und eine Bildersprache aus drei Welten – wie die Mesenskaya Rospis seit Jahrhunderten Birkenrinde und Holz zum Sprechen bringt.

Die Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist eine der ältesten und eigenwilligsten Volksmalereien Russlands. Mit nur zwei Farben – Rot aus Ocker und Schwarz aus Ruß – erzählen Mesener Meister seit dem 18. Jahrhundert Geschichten vom Leben zwischen Taiga und Tundra. Doch die Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist mehr als Dekoration: Sie ist eine Bilderschrift, die Fruchtbarkeit, Sonnenlauf und die heilige Ordnung der Welt in geometrische Zeichen übersetzt. In diesem Artikel zeige ich Ihnen, was hinter dieser einzigartigen Kunst steckt – ihre Herkunft, ihre Symbole, ihre Technik und warum sie heute eine Renaissance erlebt.

 

1. Herkunft: Der Fluss, der einer Kunst den Namen gab

Ihren Namen verdankt die Mesenskaya Rospis Birkenrinde dem Fluss Mesen – einem wilden Strom, der in der Republik Komi entspringt, durch die Leschukonski- und Mesener Bezirke des Archangelsker Gebietes fließt und schließlich im Weißen Meer mündet. Mitten an diesem Fluss, auf halber Strecke zwischen Ursprung und Meer, liegt die kleine Siedlung Palaschtschelje. Dort entstand, was man heute auch als Palaschtschelskaja rospis bezeichnet. Urkundlich erstmals 1904 als Zentrum der Holzmalerei erwähnt, war Palaschtschelje lange das stille Herz eines großen Handwerks.

Interessant ist: Die Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist viel älter als die schriftlichen Erwähnungen. Forscher vermuten, dass ihre Symbolsprache bis in vorchristliche Zeit zurückreicht – bis zu den frühen Slawen und den finno-ugrischen Stämmen, die schon vor Jahrtausenden ähnliche Zeichen in Holz und Birkenrinde ritzten. Damit ist die Mesenskaya Rospis Birkenrinde nicht einfach ein bäuerliches Dekor, sondern ein lebendiges Echo europäisch-nordasiatischer Urbilder.

 

2. Die älteste datierte Spur: Ein Spinnrocken von 1815

Das älteste bekannte Objekt mit Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist ein Spinnrocken aus dem Jahr 1815, bedeckt mit einem schwarz-roten geometrischen Muster. Doch die Bildmotive, die wir heute auf Mesener Objekten sehen – Pferde in Zweierreihen, Hirsche mit großen Geweihen, geflügelte Sonnenräder – tauchen bereits in handschriftlichen Büchern aus dem Mesen-Gebiet des 18. Jahrhunderts auf. Der Höhepunkt des Handwerks war das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert, als Mesener Spinnrocken und Bastkörbe bis zur Pinega, zur Petschora, ans Dwinagebiet und an den Onegasee exportiert wurden.

In den 1930er Jahren drohte die Kunst zu verschwinden. Mitte der 1960er wurde sie jedoch durch Nachfahren der alten Palaschtschelsker Meister wiederbelebt – besonders durch F. M. Fedotow in Palaschtschelje sowie durch S. F. und I. S. Fatjanow im Dorf Selischtsche. Ohne diese Meister gäbe es die heutige Mesenskaya Rospis Birkenrinde nicht mehr.

 

3. Zwei Farben, tausend Geschichten – die Maltechnik

Was die Mesenskaya Rospis Birkenrinde auf den ersten Blick von fast allen anderen russischen Volksmalereien unterscheidet: ihre strenge Zwei-Farben-Welt. Kein Blau, kein Grün, kein Gold – nur Rot und Schwarz. Traditionell wurden beide Farben ausschließlich aus der Natur gewonnen:

  • Rot – aus ocker-haltigem Ton von den Ufern des Mesen-Flusses, später auch aus Mennige.
  • Schwarz – aus Ruß, gebunden mit einem Aufguss aus Lärchenharz.

Die Technik selbst ist überliefert und wird bis heute gepflegt: Zuerst wird die rote Grundzeichnung mit einem schmalen Holzstäbchen – der Tiska – auf Holz oder Birkenrinde aufgetragen. Anschließend umreißt der Meister die Konturen mit einer feinen Vogelfeder in Schwarz. Das vollendete Werk wird schließlich mit Firnis (gekochtem Leinöl) überzogen, was die Farben schützt und dem Objekt einen warm goldenen Schimmer verleiht. Rot füllt, Schwarz setzt den Akzent – dieses Prinzip weicht die originale Mesenskaya Rospis Birkenrinde bis heute nicht auf.

 

4. Drei Welten auf einem Rocken – die Komposition

Die Objekte der Mesenskaya Rospis Birkenrinde – Spinnrocken, Schöpflöffel, Schatullen, Gewürzdosen, Brotkörbe, Schneidbretter, Bratinas – sind keine zufällig bemalten Alltagsgegenstände. Sie folgen einer heiligen Dreiteilung, die tief in der slawisch-heidnischen Kosmologie wurzelt:

  1. Unten – die Unterwelt: meist Hirsche oder Pferde, manchmal auch beide.
  2. Mitte – die irdische Welt: dieselben Tiere, kombiniert mit Vögeln.
  3. Oben – der Himmel: ausschließlich Vögel, oft in Friesbändern nebeneinandergereiht.

Sehr häufig ist auch ein Weltenbaum dargestellt, der alle drei Ebenen verbindet. Besonders die Spinnrocken – hohe, flache Holzbretter, an denen Frauen das Leinen spannen – wurden so zu tragbaren Weltbildern: Wer sie in der Hand hielt, hielt die Ordnung des Kosmos in Händen.

 

5. Symbolik: Jedes Zeichen eine Botschaft

Kein anderes russisches Handwerk ist so dicht mit Bedeutung aufgeladen wie die Mesenskaya Rospis Birkenrinde. Jede Raute, jeder Punkt, jedes Tier steht für einen konkreten Begriff. Die häufigsten Zeichen und ihre Bedeutung:

Zeichen Bedeutung
Rotes Pferd Die Sonne. Mehrere Pferde in Reihe = der Lauf der Sonne über den Himmel.
Hirschkuh Die himmlische Gebärerin, Spenderin allen Lebens auf Erden.
Vögel
(Enten, Gänse, Hühner)
Seelen der Ahnen, die ihre Nachfahren beschützen.
Ente Der Sonnenuntergang.
Kreis mit Kreuz Die Sonne in ihrer Kraft.
Spirale Sonnenlauf am Himmelsgewölbe (landwirtschaftliche Mythologie).
Punkte Samen, keimendes Leben.
Quadrat, Raute Zeichen der Erde, des Ackers.
Raute mit Häkchen Symbol des Überflusses – an Scheunentüren und Löffelböden, damit niemand Hunger leide.
Wellenlinien, Zickzack Wasser, Fluss, Feuchtigkeit des Himmels.

Fast alle Ornamente der Mesenskaya Rospis Birkenrinde kreisen um dasselbe große Thema: Fruchtbarkeit, Überfluss, Wiederkehr des Lebens. Gepflügte Felder, Samen, Wurzeln, Blüten und Früchte durchziehen die Kompositionen – eine hoffnungsvolle Weltdeutung, die das harte Leben im Norden in Bilder des Versprechens übersetzt.

 

6. Palaschtschelje und die Mesener Schule

Wer Mesenskaya Rospis Birkenrinde erforscht, kommt an Palaschtschelje nicht vorbei. Das Dorf am mittleren Mesen-Lauf war nicht nur das Handwerkszentrum, sondern die Keimzelle einer ganzen Schule. Typisch für die Palaschtschelsker Arbeiten sind:

  • Die strenge Dreiteilung der Objektfläche.
  • Tierfiguren, die sich förmlich aus dem geometrischen Ornament herausschälen.
  • Scheiben, Rauten und Kreuze, die an die dreikantig eingekerbte Schnitzerei (Champlevé) desselben Kulturraums erinnern.
  • Eine ausgesprochen grafische, fast primitive Formenwelt ohne Vielfarbigkeit.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen der echten, bäuerlichen Mesenskaya Rospis Birkenrinde und den „städtischen“ Imitationen. Der staatliche Betrieb Belomorskie Uzory in Archangelsk produziert bis heute Souvenirs mit einer modernen, vereinheitlichten Version der Malerei – hübsch, aber nicht identisch mit dem alten dörflichen Handwerk.

 

7. Mesenskaya Rospis Birkenrinde heute: Therapie, Schule, Kunst

Heute erfährt die Mesenskaya Rospis Birkenrinde eine bemerkenswerte Renaissance. Drei Strömungen tragen sie weiter:

Kunsttherapie

Weil die Malerei rhythmisch, geometrisch und einfach zu erlernen ist, wird sie zunehmend in der Kunsttherapie eingesetzt. Das Wiederholen der typischen Zickzack- und Spiralmuster beruhigt, das Arbeiten mit nur zwei Farben fordert nicht, sondern fokussiert.

Schulen und Kulturunterricht

In russischen Schulen ist die Mesenskaya Rospis Birkenrinde fester Bestandteil des Unterrichts zur Volkskunst. Auch international gibt es Angebote – etwa Kurse am Museum of Russian Art (TMORA) in den USA.

Moderne Kunsthandwerker

Eine neue Generation von Handwerkern greift die alten Muster auf und überträgt sie auf Möbel, Schmuck, Kleidung – und natürlich auf Birkenrinde, jenes traditionelle Material, das schon immer der ideale Träger dieser Malerei war. Gerade bei der Birkenrinde spielt die Mesenskaya Rospis ihre Stärke aus: Die helle, seidig-warme Oberfläche lässt Rot leuchten und Schwarz samtig wirken.

 

8. Warum Birkenrinde und Mesenskaya Rospis zusammengehören

Die Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist kein Zufall. Holz und vor allem Birkenrinde waren im russischen Norden das wichtigste Alltagsmaterial – leicht, haltbar, wasserabweisend, warm anzufassen. Kaum ein Gegenstand aus dem bäuerlichen Alltag war nicht aus Birke oder aus Bast gefertigt: Schöpfgefäße (Kowschi), Dosen (Tues), Brotbehälter, Spanschachteln, Salzdosen, Körbe. Wer sie verzierte, gab einem Gebrauchsgegenstand eine Seele.

Für uns bei Birkenleder ist das mehr als Kulturgeschichte. Wenn Sie bei uns ein Döschen oder eine Schatulle aus Birkenrinde in den Händen halten, berühren Sie das gleiche Material, das die Palaschtschelsker Meister vor zweihundert Jahren bemalt haben. Die Mesenskaya Rospis Birkenrinde verbindet ihre Welt mit der unseren – durch eine Bilderschrift, die längst universell geworden ist: Sonne, Leben, Überfluss, Heimat.

 

Fazit: Eine Malerei, die weiter erzählt

Die Mesenskaya Rospis Birkenrinde ist kein museales Relikt, sondern eine lebendige Tradition. Sie erzählt in zwei Farben und wenigen Symbolen die großen Fragen der Menschheit: Wo kommen wir her? Was trägt uns? Was wünschen wir uns? Wer diese Malerei heute auf einem Stück Birkenrinde sieht, blickt auf mehr als ein hübsches Muster – er blickt auf Jahrhunderte nordrussischer Lebenswelt, die sich in jedes rote Pferd und jede schwarze Hirschlinie eingeschrieben haben. Das macht die Mesenskaya Rospis Birkenrinde zu einer der stärksten und stillsten Stimmen der russischen Volkskunst.

 

Quellen

Russische Quellen (кириллица)

Die umfangreichsten und tiefgehendsten Quellen – offizielle Kulturportale, Wikipedia, Fachartikel und Blogs mit Detailwissen zu Symbolik und Technik.

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